Meine Abrechnung mit Linux
“Linux ist das größte, das schnellste, das schönste, das sicherste und das beste!”
Dies ist die kurze Fassung dessen, was viele vermeintliche Computerexperten bei fast jeder Gelegenheit predigen. Ich bin zuerst selbst darauf reingefallen und bin Anfang 2006 von Windows auf Ubuntu (eine Linux-Distribution) umgestiegen. Windows war von da an etwa 1 Jahr lang nur noch ein Zweitsystem zum Spielen.
Hinweis: Diese Abrechnung bezieht sich ausschließlich auf Linux-Systeme, die auf (privaten) Workstations ihren Einsatz finden! Auf Servern ist Linux meiner Meinung die erste Wahl (auch wenn meine Kritik teilweise auch auf “Server-Linuxe” übertragen werden kann)!
Behauptung: Linux ist ein grauenvolles Frickelsystem
Irgendwann gab meine Festplatte den Geist auf und ich musste das System komplett neu aufsetzen. Dazu hatte ich dann aber keine Lust mehr, weil Linux schier unendlich viel Zeit gefressen hatte, bis es vollständig eingerichtet war und alles so lief, wie es sollte. Das ist auch heute noch mein Hauptkritikpunkt: Linux ist ein grauenvolles Frickelsystem. Auch Ubuntu ist da nicht anders, obwohl es überall heißt, dass es ja ach so benutzerfreundlich wäre.
Die Betonung liegt auf grauenvoll, weil es nicht nur ein Frickelsystem ist, sondern eben auch noch ein besonders schlimmes bzw. schlecht gemachtes Frickelsystem. Damit meine ich vor allem, dass die Konfigurationsdateien (in denen z.B. das Verhalten der Programme festgelegt wird) aller größeren Programme/Daemons sich bezüglich ihres Formats/ihrer Syntax voneinander unterscheiden. Jedes dieser Programme muss demzufolge auch selbst – auf eigene Faust – seine Konfigurationsdateien auslesen, was eine gewaltige Fehlerquelle darstellt. Und wer bitte schön hatte zum Beispiel bei Linux noch nie das Problem, dass eine Konfigurationsdatei laut offizieller Anleitung/Dokumentation korrekt ist, aber irgendwie doch nicht funktioniert? Eben, das tritt nämlich fast immer auf. Manchmal steckt dahinter auch ein Fehler, den man selbst zu verantworten hat. Das ist aber letztendlich in den meistne Fällen nur eine Folge der viel zu komplizierten Konfigurationsdateien (Syntax zu komplex, zu wenig fehlertolerant etc.).
Wie man es besser machen könnte? Da, wo es angemessen und praktikabel ist, ein einheitliches Format einführen (für dieses Format muss dann auch nur 1x Code geschrieben werden => zentral => bessere Wartbarkeit und weniger Bugs). Beispielsweise eines wie das intuitive INI-Format (oder ein ähnliches):
[SEKTION]
name=wert
name2=anderer_wert
Größere Daemons, die tatsächlich noch mehr brauchen, dürfen gerne auch komplexere Formate für ihre Konfigurationsdateien definieren. Aber bitte, ihr Linux-Freaks, gebt nicht mehr jedem Kleinst-Daemon sein eigenes verdammtes Konfigurationsformat!
Das führt nämlich dazu, dass man für jede etwas größere Konfigurationsänderung Manuals, Tutorials und Internetforen durchkämmen muss, bis es dann – meist nach Stunden – endlich klappt.
Kritik: Linux gebe dem Anwender sehr viel mehr “Macht” als Windows
Ein PRO-Argument für Linux lautet, dass man unter Linux – durch den berüchtigten root-Account – sehr viel mehr Einfluß auf sein System hat. Man kann sehr viel genauer bestimmen, was es macht und wie es das macht.
Das stimmt auch. Allerdings werte ich das größtenteils nicht als Vorteil:
- Linux ist ein Frickelsystem (siehe oben) und man kann von dem root-Account nicht profitieren ohne sich zunächst (in jeder Angelegenheit aufs Neue) in komplizierte Details einzuarbeiten.
- Es gibt nur ganz wenige Fälle in denen man unter Linux etwas machen kann, was unter Windows nicht auch (mit geringerem Aufwand) so oder so ähnlich möglich wäre. Das sind dann meistens auch nur Spielereien, auf die man auch gut und gerne ganz verzichten kann.
Es gibt natürlich Momente in denen man vom mächtigen root-Account profitiert. Aber auch hier muss man sich erst mühsam in Details einarbeiten.
Absolut vernachlässigt werden bei Linux Benutzer, die entweder nicht oder kaum dazu in der Lage (wg. zu hohem Alter o.ä.) sind oder keine Lust darauf haben, sich so (unangemessen) viel Fachwissen anzueignen. Das äußert sich darin, dass vieles unter Linux nicht anders zu meistern ist als durch einen Umweg über die Konsole (Shell). Dann tippt man mehr oder weniger viele Befehle ein, die jeweils eine eigenen “Befehlssatz” aufweisen und man hat erreicht, was man erreichen wollte (zum Beispiel das Killen eines Programms). Es gibt zwar immer wieder Ansätze – gerade für Windows-Abwanderer – sich an Windows anzunähern, z.B. durch das Bereitstellen von Programmen, die Windows-Programmen ähnlich sehen (Taskmanager und ähnliches). Meine Erfahrung ist aber, dass diese Programme extrem unzuverlässig sind. Der Schwerpunkt wird bei Linux nunmal nach wie vor auf die Konsolenprogramme gelegt.
Kritik: Linux hat viele Probleme mit Hardware
Ob es daran liegt, dass die Hersteller keine Treiber bereitstellen oder nicht… es ist mir letztlich egal, was die Ursachen dafür sind und wer daran Schuld ist. Am Ende kommt es doch nur darauf an, was ein System kann und was es nicht kann. Und dazu gehört auch die (schnellstmögliche) Erkennung und Nutzung von neuer Hardware. Hier kommt Linux gar nicht gut weg.
Windows ist hier jedoch – wegen seiner Marktführerschaft – ganz klar an der Spitze. Man schließt die neue Hardware einfach an und meistens ist sie innerhalb weniger Sekunden voll einsatzbereit. Unter Linux muss man stattdessen häufig auf irgendwelche Arten improvisieren – das schließt meist auch wieder das Anlegen/Anpassen komplizierter Konfigurationsdateien ein -, um Hardware zu nutzen, die nicht auf Anhieb erkannt werden kann (und davon gibt es nicht wenig).
Das ist auch ein Punkt, der mich schließlich dazu bewegt hat, wieder zu Windows zurückzuwechseln. Unabhängig davon, ob es in der Macht der Linux-Entwickler steht, an der Hardware-Erkennung etwas wesentlich zu verbessern oder (mangels fehlender Kooperation der Hardware-Hersteller) nicht.
Widerspruch: Windows sei unsicher(er als Linux)
Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich mit Windows das letzte Mal Probleme mit Viren/Trojanern/Würmern o.ä. hatte. Zugegeben, ich habe zu XP-Zeiten zum Surfen und normalen Arbeiten ein eingeschränktes Benutzerkonto verwendet. Mein System so einzurichten hat mich aber nur ein paar Minuten Zeit gekostet…
Natürlich hatte ich auch eine Firewall und ein Antiviren-Programm installiert. Das ist aber auch Pflicht bei Windows: Es ist schließlich das mit großem Abstand am weitesten verbreitete System.
Ich kann mich übrigens genausowenig daran erinnern, wann mein Windows das letzte Mal abgestürzt ist…
Ein paar Worte zu Windows Vista
Ich nutze Vista erst seit wenigen Tagen, aber mein erster Eindruck ist, dass es ein sehr mächtiges und modernes Betriebssystem ist. Viele Dialoge und v.a. die Navigation wurden im Vergleich zu Windows XP aufgebessert. Leider wird Windows Vista in einem sehr besch… Konfigurationszustand ausgeliefert. So frisst zum Beispiel die Systemwiederherstellung unglaublich viel Leistung; nachdem ich sie deaktiviert habe, läuft mein System viel flüssiger. Außerdem habe ich mit Hilfe von Tuneup Utilities viele unnötige Dienste deaktiviert oder “gedrosselt”.
Zugegeben: Im “Auslieferungszustand” ist Vista unerträglich (meiner Meinung nach). Man kann aber auch dieses Windows innerhalb weniger Stunden in ein schnelles, sparsames und modernes System umwandeln. Dazu braucht es unter Windows auch keine komplizierten Konfigurationsdateien…
Schlusswort
Mir ist klar, dass die Mehrheit der “Experten” anderer Meinung ist. Diese Mehrheit ist auch dazu aufgerufen mir zu widersprechen und mich zu widerlegen. Letztlich ist es aber immer eine subjektive Entscheidung, wenn es darum geht, welches Betriebssystem man lieber verwendet. Daher habe ich mich in diesem Artikel auf die Aspekte konzentriert, die m.E. ganz objektive Schwächen von Linux darstellen oder Falschaussagen über Windows sind.
Bevor man mit mir eine Diskussion darüber anfängt, sollte man sich aber bitte einmal ehrlich fragen, wie viel Zeit man mit dem Konfigurieren seines Linux-Systems verbracht hat und wie viel Zeit unter Windows für die Konfiguration aufgewendet werden musste und was letztlich weniger nervenaufreibend war. Es sollte ja klar sein, was meine persönliche Antwort darauf ist…
Bitte – liebe Linux-Anhänger – zerreißt mich nicht gleich in der Luft sondern versucht erst einmal ungefähr zu verstehen, was mir an Linux stinkt…
Auch ich bin dankbar dafür, dass es so viele kluge Menschen gibt, die unentgeltlich sehr viel Arbeit in ein kostenloses – sogar quelloffenes – Betriebssystem stecken. Mit diesem Beitrag möchte ich aber unter anderem auch aufzeigen, dass Linux keineswegs perfekt ist und dass man den einfachen Leuten, die sich nicht so sehr auskennen, besser vermitteln muss, auf was sie sich mit Linux einlassen, wenn sie sich dafür entscheiden. Momentan gebärdet sich die Linux-Gemeinde aber eher so, wie eingangs erwähnt: “Linux ist das größte, das schnellste, das schönste, das sicherste und das beste!” Dazu kommen natürlich noch viele Seitenhiebe gegen Microsoft/Windows. Gegen dieses Gehabe wendet sich mein Artikel in erster Linie… von einem Betriebssystem, das so gefeiert wird, habe ich schlicht und ergreifend mehr erwartet, als mir letzlich geboten wurde.
