In diesem Artikel möchte ich aus meiner Sicht als Erstsemester kurz und knapp beschreiben, was man als Student während der Vorlesungszeit so macht. Als ich noch Schüler war, habe ich mir einen solchen Text gewünscht. Die Beschreibungen beziehen sich auf meine eigenen Erfahrungen. Ich bemühe mich zwar, alles so allgemein wie möglich zu halten, kann aber nicht dafür garantieren, dass es an anderen Universitäten nicht wesentlich anders abläuft. Ich kann auch nicht garantieren, dass alle Angaben korrekt sind und behalte mir Fehler vor. Feedback ist sehr erwünscht, vor allem wenn bestimmte Sachverhalte nicht ausreichend erklärt wurden bzw. unklar sind!
Wichtigster Unterschied zur Schule ist, dass an der Universität keine Allgemeinbildung gelehrt wird. Man kann stattdessen einen von vielen vielen vielen Studiengängen wählen. An manchen Universitäten werden mehr Studiengänge angeboten, an anderen weniger. Ich studiere momentan B.Sc. Informatik an der TU Darmstadt. B.Sc. bedeutet Bachelor of Science und ist ungefähr gleichwertig mit einem Vordiplom. Wenn man diesen Abschluss erreicht hat, dann bedeutet dies, dass man das Grundstudium abgeschlossen hat und das Hauptstudium, in welchem man sich i.d.R. weiter spezialisiert, antreten kann.
Jeder Studiengang besteht aus einer bestimmten Anzahl von Semestern – B.Sc. Informatik hat 6 Semester. Jedes Semester ist ein halbes Jahr lang – man unterscheidet zwischen Wintersemester (1. Oktober bis 31. März) und Sommersemester (1. April bis 30. September).
Jedes Semester wiederum besteht aus bestimmten Lehrveranstaltungen. Eine Lehrveranstaltung heißt zum Beispiel “Mathematik I für Inf und WInf” (Inf=Informatiker, WInf = Wirtschaftsinformatiker) und besteht mindestens aus den zugehörigen Vorlesungen, Übungen und Prüfungen. Jede Lehrveranstaltung wird außerdem von einem Professor, dem verschiedene Hilfskräfte zur Seite stehen, geleitet.
In den Vorlesungen, die in sehr großen Hörsälen von dem jeweiligen Professor gehalten werden, wird der Stoff in sehr schnellem Tempo abgehandelt. Meistens muss man daher nach der Vorlesung einiges nacharbeiten, um den Stoff auch wirklich zu verinnerlichen. Die Vorlesungen dauern jeweils 2 Semesterwochenstunden (SWS), von denen jede 45 Minuten lang ist. Generell wird an der Universität vieles in Semesterwochenstunden gemessen. Werden für eine Vorlesung zum Beispiel 4 SWS angeben, so heißt das, dass man in dem Semester jede Woche durchschnittlich (!) 4×45 Minuten Vorlesung hat.
(Die Teilnahme an den Vorlesungen ist nicht verpflichtend, aber ratsam.)
Beim Lernen des Stoffes helfen die Übungen, die von den Veranstaltern angeboten werden. Eine Übung findet meistens einmal pro Woche oder alle 2 Wochen statt und dauert i.d.R. 2×45 Minuten. Da man nicht alle Hörer der Vorlesung in einer einzigen Übung betreuen kann, werden die Studenten verschiedenen Übungsgruppen zugeteilt. Jede Übungsgruppe besteht i.d.R. aus etwa 20-40 Studenten (das ist bei mir so) und wird von einem Tutor geleitet. Die Aufgabe des Tutors ist es, den Studenten zu helfen und ihre Fragen so gut es geht zu beantworten.
Man trifft sich dann schließlich zu bestimmten Zeiten mit seiner Übungsgruppe und dem Tutor in einer Räumlichkeit der Universität und bearbeitet verschiedene Gruppenaufgaben zum Vorlesungsstoff, die jeweils vor der Übung veröffentlicht und von den Studenten ausgedruckt und mitgebracht werden sollen. Bei der Bearbeitung der Aufgaben soll das Gelernte eingeübt werden.
(Die Teilnahme an den Übungen ist aber meistens nicht verpflichtend, aber wie bei den Vorlesungen ratsam.)
Es gibt allerdings nicht nur Gruppenaufgaben, sondern auch Hausaufgaben. Sie werden Hausübungen genannt. Diese Hausübungen sollen am besten alleine bearbeitet werden, damit man sich auch wirklich sicher sein kann, dass man die Aufgaben selbstständig lösen kann. Meistens ist es erlaubt, die Hausübungen auch in (kleinen!) Gruppen zu lösen – dies muss aber explizit angegeben werden und es muss trotzdem jeder Student seine eigene Lösung abgeben.
Die Hausübungen kann man am jeweils nächsten Übungstermin bei seinem Tutor abgeben (Anmerkung: bei manchen Lehrveranstaltungen kann man die Hausübungen auch online abgeben, natürlich besonders häufig in der Informatik und ähnlichen Fächern). Der Tutor wird die Lösungen dann bis zum nächsten Übungstermin korrigieren, ggf. sogar mit Anmerkungen versehen (wie man die Aufgabe z.B. hätte besser lösen können o.ä.).
Wichtig: Bei vielen Lehrveranstaltungen steht es dem Studenten frei, ob er seine Hausübung bearbeitet und abgibt (auch, wenn er es im eigenen Interesse tun sollte).
Bei manchen Lehrveranstaltungen werden die Hausübungen allerdings bewertet. Man nennt dies dann bewertete Hausübungen. Der Veranstalter kann dann zum Beispiel vorschreiben, dass man mindestens 50% der Punkte in den (bewerteten) Hausübungen erreichen muss, um für die Prüfung zugelassen zu werden. Die Bewertung wird von dem jeweiligen Tutor vorgenommen. Die Abgabe der Hausübungen ist bei solchen Lehrveranstaltungen natürlich Pflicht – ansonsten erhält man keine Punkte.
Zusätzlich zu den Vorlesungen und den Übungen gibt es bei manchen Lehrveranstaltungen auch noch Praktika, Seminare und weitere.
Praktika sind zum Beispiel bei “Grundlagen der Informatik I” kleine Softwareprojekte, die ebenfalls benotet werden. Dabei kommt es vor allem darauf an, das Gelernte anzuwenden. Auch die Planung usw. fließen in die Bewertung ein.
Seminare sind, soweit ich das bisher überblicken kann, benotete Vorträge, für die sich Studenten selbstständig etwas tiefer in eine bestimmte Thematik einarbeiten mussten. sind Lehrveranstaltungen kleineren Umfangs (meist über einige Wochen), an deren Ende das Gelernte entweder mit einer Hausarbeit oder einem Vortrag überprüft wird, woraus dann eine Note hervorgeht.
In den Prüfungen (der üblichen Lehrveranstaltungen) stellt sich schließlich heraus, ob die Studenten das nötige Wissen verinnerlicht haben und unter Zeitdruck anwenden können. Manche Prüfungen sind übrigens geteilt in zwei einzelne Klausuren (die dann für das Gesamtergebnis zusammengerechnet werden). Die Prüfungen finden während der Semesterferien statt. Es handelt sich also gar nicht um echte Ferien – es werden lediglich keine Vorlesungen mehr gehalten, daher auch vorlesungsfreie Zeit genannt.
Zu den Prüfungen ist anzumerken, dass die Veranstalter teilweise komplizierte eigene Regelungen vorsehen. So ist es beispielsweise bei manchen Lehrveranstaltungen so, dass überschüssige Punkte aus den bewerteten Hausübungen zur Verbesserung der Prüfungsnote genutzt werden können. Wenn man sich in den entsprechenden Hausübungen gut schlägt, kann man seine Prüfungsnote am Ende also nochmal deutlich verbessern!
Weiterhin ist zu sagen, dass man die Prüfungen in der Regel relativ leicht schaffen sollte, wenn man die Vorlesungen und Übungen regelmäßig besucht und seine Hausübungen macht. Der Stoff ist schwer, aber man bekommt viel Unterstützung bis zur Prüfung.
Wenn man eine Prüfung nicht besteht, muss man sie – wenn möglich – in einem späteren Semester wiederholen oder das Studium abbrechen. Meistens hat man eine begrenzte Anzahl von Versuchen.
Das waren so die wichtigsten Elemente des reinen Studentenlebens.
Während der Vorlesungszeit geht man in die Vorlesungen, besucht die Übungen, macht seine Hausübungen usw. Wie viel Zeit das etwa kostet, kann ich noch nicht genau beschreiben, weil es im 1. Semester natürlich etwas langsamer los geht. Für die zweite Hausübung von Grundlagen der Informatik I habe ich aber immerhin fast 4 Stunden gebraucht. (Ich werde in einigen Wochen, wenn es richtig hart wird, an dieser Stelle einen kleinen Aufwandsvergleich zur Oberstufe einfügen.)
Wenn die Vorlesungen dann vorbei sind, bereitet man sich auf die Klausuren vor. Das schwierigste dabei ist, dass es die meiste Zeit über niemanden gibt, der einen dazu zwingt, zu lernen. Es gibt Menschen, die damit besser umgehen können und es gibt Menschen, die damit eher nicht zurecht kommen – und der Stoff ist wirklich hart.
Alles in allem macht mir persönlich das Studium bisher wirklich Spaß! Das liegt zum einen daran, dass der Stoff wirklich anspruchsvoll ist und man definitiv nicht gelangweilt ist. Zum anderen ist es schlicht und ergreifend so, dass der Anteil dessen, was mich absolut nicht interessiert, sehr gering ist. Diese ganzen Schulfächer, die man ohne Weiteres aus dem Lehrplan streichen könnte, gibt es jetzt nicht mehr.
Als letzter Hinweis sei noch gesagt, dass für Erstsemester (Ersties) von der Universität oder von höhersemestrigen Studenten sogenannte Orientierungsphasen bzw. Einführungswochen angeboten werden. Alles, was in diesem Artikel beschrieben ist und noch viel viel mehr, wird dann innerhalb von 1 Woche o.ä. ausführlich erklärt. Man wird also auf keinen Fall im Regen stehen gelassen.