PhiLIOsoph

12.10.2007

Über den freien bzw. unfreien Willen

Filed under: Philosophie — Robert @ 17:28:44

Die Fragestellung dieses Artikels lautet: Was ist freier Wille? Haben wir Menschen einen freien Willen? Oder sind wir vollständig fremdbestimmte Maschinen, die sich ironischerweise einen freien Willen einbilden? Welche Konsequenzen hat die Antwort auf diese Frage für die Menschheit?

Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass dieser Artikel ausschließlich meine derzeitige, eigene (und unfreie :D ) Meinung darlegt. Ich bin jederzeit offen für Diskussionen zu diesem Thema.

Was ist freier Wille?

„Die Bezeichnung freier Wille oder Willensfreiheit hat keine allgemeingültige Definition. Verschiedene Philosophen definieren diesen Begriff völlig unterschiedlich, umgangssprachlich versteht man etwas anderes darunter als im juristischen oder psychologischen Sprachgebrauch. Der zentrale Streitpunkt zwischen den verschiedenen Freiheitskonzepten ist die Frage, wovon der Wille eines Menschen frei zu sein hat, damit von einem freien Willen gesprochen werden kann.“

“Freier Wille” bei Wikipedia

Die Antwort auf die Frage nach dem freien Willen hängt mehr als alles andere davon ab, was man als freien Willen bezeichnet. Ich persönlich halte es für einfacher, wenn man bestimmt, was kein freier Wille ist, und sich so an die Definition des freien Willens langsam annähert.

Meiner Meinung nach liegt kein freier Wille vor, wenn eine Entscheidung durch äußere Umstände beeinflusst wird oder wenn diese Entscheidung alleine von der Vergangenheit der jeweiligen Person abhängt. Oder wenn die jeweilige Person überhaupt erst vor die Wahl einer Entscheidung gestellt wird, wegen ihrer Vergangenheit.
Denn, wenn alles was wir denken, wie wir fühlen und was wir tun, ausschließlich von unserer Vergangenheit abhängt, dann sind wir vollständig fremdbestimmt und es wäre eine Anmaßung, zu behaupten, wir wären frei.
Jeder hat sich wohl schon mal Gedanken darüber gemacht, was er geworden wäre, wenn er nicht dort geboren worden wäre, wo er eben geboren wurde. Die logische Antwort ist: er wäre ein ganz anderer Mensch geworden. Mit anderen Ansichten, anderen Hobbies, einem anderen Beruf, usw. Er hätte sich zu einer völlig anderen Person entwickelt. Das liegt daran, dass von der Zeugung bis zur Gegenwart andere Umstände auf den Menschen eingewirkt hätten. Ergo, die Umstände prägen einen Menschen nicht nur – sie machen ihn überhaupt erst zu dem, was er ist. Das ist ohnehin logisch: ohne äußere Umstände kommt auch keine Zeugung zustande.

Um auf das Zitat vom Wikipedia-Artikel zurückzukehren:

Ein freier Wille müsste frei sein von allen äußeren Einflüssen, von der Zeugung über Erziehung bis hin zur gegenwärtigen Person. Freier Wille muss also im Grunde von der Person selbst frei sein. Denn die Person ist ja selbst ein Produkt ihrer Umwelt.

Das führt unweigerlich zu einem großen Problem: wie soll man (es?) vor eine Entscheidung gestellt werden, ohne von außen beeinflusst zu werden?

„Nehmen wir an, Sie hätten einen freien Willen. Es wäre ein Wille, der von nichts abhinge: ein vollständig losgelöster, von allen ursächlichen Zusammenhängen freier Wille. Ein solcher Wille wäre ein aberwitziger, abstruser Wille. Seine Losgelöstheit nämlich würde bedeuten, dass er unabhängig wäre von ihrem Körper, ihrem Charakter, ihren Gedanken und Empfindungen, ihren Phantasien und Erinnerungen. Es wäre, mit anderen Worten, ein Wille ohne Zusammenhang mit all dem, was Sie zu einer bestimmten Person macht. In einem substantiellen Sinn des Wortes wäre er deshalb gar nicht Ihr Wille.“

– Peter Bieri: „Freiheit und Zufall“

Eine unbequeme Wahrheit:

„Die einzige Möglichkeit, einen wirklich freien Willen zu manifestieren, wäre, etwas zu tun, wozu es keinerlei Veranlassung gibt. Und da dies selbst die Veranlassung wäre, ist dies unmöglich.“

– Torsten de Winkel: 1999

Einstein hat sich ebenfalls Gedanken zu diesem prekären Thema gemacht:

„Ich weiß ehrlich nicht, was die Leute meinen, wenn sie von der Freiheit des menschlichen Willens sprechen. Ich habe zum Beispiel das Gefühl, dass ich irgend etwas will; aber was das mit Freiheit zu tun hat, kann ich überhaupt nicht verstehen. Ich spüre, dass ich meine Pfeife anzünden will und tue das auch; aber wie kann ich das mit der Idee der Freiheit verbinden? Was liegt hinter dem Willensakt, dass ich meine Pfeife anzünden will? Ein anderer Willensakt? Schopenhauer hat einmal gesagt: ‚Der Mensch kann tun was er will; er kann aber nicht wollen was er will.‘“

– Albert Einstein: Ich vertraue auf Intuition. Der andere Albert Einstein. – Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg, Berlin, Oxford, Seite 176.

Ich muss an dieser Stelle auch unbedingt noch ein weiteres Zitat des Wikipedia-Artikels einbringen:

“Es wurde in den letzten Jahren möglich, das lebende Gehirn zu untersuchen, und es gibt verschiedene Methoden, den Prozess der Entscheidungsbildung zu beobachten, den man gemeinhin mit dem freien Willen identifiziert. Dabei mehren sich die Indizien, dass eine „Entscheidung“ im Gehirn bereits getroffen wird, bevor sie der Person bewusst wird. Nach den Erkenntnissen der Hirnforschung über die Steuerung der Willkürmotorik haben die eigentlichen Antriebe für unser Verhalten einen subcorticalen Ursprung, entstehen also im limbischen Bewertungs- und Gedächtnissystem. Dieses aktiviert die Basalganglien und das Kleinhirn, die wiederum die corticalen Prozesse in Gang setzen. Dann erst setzt die Empfindung ein, etwas zu wollen. Damit stimmt überein, dass bei Willkürhandlungen zuerst in den Basalganglien und im Kleinhirn neuronale Aktivität auftritt und dann im Cortex.”

“Freier Wille – Hirnforschung” bei Wikipedia

Wie kommen wir (wie komme ich) eigentlich auf das Thema?

Die Entscheidung, mich mit diesem Thema zu befassen, habe ich nicht frei getroffen. Meine gegenwärtige Person interessiert sich nunmal für solche Themen. Aber sähe meine Vergangenheit nur etwas anders aus, dann hätte ich mich womöglich nie mit diesem Thema beschäftigt – oder auf eine andere Art und Weise oder … etc.pp.

Und, mein lieber Leser, du liest diesen Artikel, weil du ihn lesen willst, aber nicht, weil du gewollt hast, ihn lesen zu wollen. ;)

DAS ist Ironie. =D

Haben wir Menschen einen freien Willen?

Für mich persönlich lautet die Antwort ganz klar: Nein. Wie sollen wir auch einen freien Willen haben? Es ist doch mehr als offensichtlich, dass wir eben keinen freien Willen haben. Je länger ich darüber nachdenke, desto seltsamer erscheint mir die Tatsache, dass über den freien Willen überhaupt geredet wird. Man muss sich die Welt doch nur mal ansehen…

Wie schon Einstein zitiert hat:

“Der Mensch kann tun was er will; er kann aber nicht wollen was er will.”

– Arthur Schopenhauer

Oder sind wir vollständig fremdbestimmte Maschinen, die sich ironischerweise einen freien Willen einbilden?

“Fremdbestimmt” ist vielleicht nicht ganz zutreffend. Aber selbstbestimmt sind wir nicht.

Sicher ist, dass wir bestimmte Dinge tun wollen. Manche Dinge tun wir gerne, manche weniger gerne… aber wir haben diese (Des-)Interessen wegen unserer Vergangenheit. Worauf ich hinaus will: Wir konnten uns nicht die Person auswählen, zu der wir geworden sind.

Welche Konsequenzen hat die Antwort auf diese Frage für die Menschheit?

Keine. Wir können vielleicht etwas gnädiger mit Menschen umgehen, die Fehler machen. Die Welt könnte sehr viel angenehmer sein, wenn sich mehr Menschen darüber bewusst würden, dass niemand nichts für gar nichts kann…

Was übrigens “Verbrecher” anbelangt: Ein “Verbrecher” ist gefährlich, egal, warum er ein “Verbrecher” geworden ist und unabhängig davon, ob er etwas dafür kann oder nicht.

Fazit

Abgesehen davon, dass wir keinen freien Willen haben, halte ich fest:

  • Alles, was ein Mensch ist, hängt von seiner Vergangenheit ab. Wo er geboren wurde, wer seine Eltern waren, welchen Menschen er begegnet ist, usw. Mit anderen Worten: Wir konnten uns nicht die Person auswählen, zu der wir geworden sind.
  • Folgerichtig gibt es nichts, worauf ein Mensch wirklich stolz sein darf. Denn es hätte auch alles ganz anders passieren können.
  • Wir Menschen müssen trotzdem auf der Bühne des Lebens unsere Rolle spielen. Trotzdem können wir es uns wenigstens etwas leichter machen…
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2 Kommentare »

  1. interessanter artikel muss ich sagen, allerdings bin ich mit einiges dingen nicht ganz einverstanden.

    kein mensch hat einen absolut freien willen, da sind wir uns einig, ich glaube aber nicht, dass jede einzelne entscheidung schon vorprogrammiert ist.
    der mensch hat schon eine gewisse entscheidungsgewalt über sich selbst. ich habe einen realen einfluss darauf, ob ich jetzt mathe lerne oder nicht. die überwindung, die ich aufbringen muss, um meine unangenehmen pflichten zu erfüllen, ist real.

    ich habe keinen einfluss auf meinen willen, richtig, ich kann nicht entscheiden ob ich dieses oder jenes tun WILL oder nicht, was und wie ich meinen willen aber umsetze, darauf habe ich einen (natürlich ebenfalls nicht völlig freien) einfluss.
    natürlich ist jede meiner entscheidungen durch meine person, meine vergangenheit und meine derzeitige stimmung beeinflusst, aber dennoch bin ich persönlich der meinung, dass in jeder entscheidung auch ein kleiner, aber wichtiger teil von freiheit steckt.

    meine drei cents zu dem thema :)

    Kommentar by slimsim — 04.05.2008 @ 12:59:10

  2. Da macht man es sich doch etwas einfach. Wir stellen die These auf “der Mensch hat keinen freien Willen”, kehren sie um “der Mensch handelt und Entscheidet absolut frei”, verwerfen die These, womit die Ursprungsthese angenommen wird.

    Die Thesen vergessen, daß für jede Entscheidung Informationen herangezogen werden müssen. Wenn wir uns einen Hund oder auch Menschen vorstellen, der in einem Käfig mit zwei Klappen ist. Hinter der einen Klappe gibt es etwas zu Essen hinter der anderen einen Stromschlag. Nach einigen schmerzhaften Tests hat der Proband gelernt, hinter welcher Tür das Essen ist. Entscheidet er dann frei? Wenn er nur noch Tor 1 wählt.
    Was machen zwei Schachspieler, wenn sie sich gegenüber sitzen?
    Aber ich glaube, das sind hier eher Scheingefechte. Es hängt sehr stark von der genauen Definition von “frei” ab, und sicher wird auch niemand bezweifeln, daß es neben der freien Logik immer auch Abhängigkeiten verschiedenster Art unsere Entscheidungen beeinflussen.
    Wirklich problematisch sind sie nur dann, wenn wir uns dieser (unterbewußten) Beeinflussung nicht bewußt sind.
    Die “normale” Historie, die jeder mit sich herum trägt, sind die kulturellen (gesellschaftlichen etc.) Regeln vergleichbar mit den Schachregeln.
    Daher ist eine Entscheidung nur frei innerhalb eines Kontextes, aber sie sind frei.
    Wenn ich mit E2-E4 eröffne, ist dies meine eigene Entscheidung, unfrei bin ich, da ich nicht mit E2-F5 eröffnen darf.

    Kommentar by Markus Thies — 27.06.2008 @ 17:19:27

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